Eintausendvierhundertneununddreissig Stufen
Grandiose Ausblicke über Stahl und Stadt: Ein Kletterspaziergang auf der Sydney Harbour Bridge
Weil es ihn gibt. Mit diesen Worten soll George Mallory einen Journalisten beschieden haben, der ihn nach dem Grund fragte, den Everest bezwingen zu wollen. Der Versuch endete nicht gut für den englischen Bergsteiger-Pionier. Seine Spur verlor sich im Juni 1924 in den eisigen Flanken des höchsten Bergs der Welt. Doch warum würde man die Harbour Bridge besteigen wollen, seit ihrer Eröffnung 1932 das Wahrzeichen Sydneys und mehr noch ein Monument für die auch technische Leistungskraft des Kontinents down under?
Die Frage führt mitten hinein in Hirn und Herz der Nation, die sich seit ihren Anfängen von der übrigen Welt abzusetzen sucht durch den zur Schau getragenen Charme des Ungehobelten und Unkomplizierten der Menschen und den unwiderstehlichen Appeal des Weiten und Wilden der Natur. Dazu zählt man dort auch Monumente aus Menschenhand, zumal wenn sie so ikonographisch sind wie die Hafenbrücke von Sydney. Längst sind die Australier davon überzeugt, dass ihr Kontinent es sei, der wahrhaftig unbegrenzte Möglichkeiten biete, und nicht etwa Amerika, das Land der Vorschriften und Versicherungsfälle.
Tatsächlich mag es heute verwundern, warum die Idee vom Aufstieg für alle auf den Scheitel des Stahlkolosses, 134 Meter über dem Meeresspiegel, erst nach fast siebzig Jahren Möglichkeit und Ereignis zugleich wurde. Den Einfall hatte der Geschäftsmann Paul Cave. Dessen Schwiegervater war es, der die als Familienkostbarkeit aufbewahrte erste Fahrkarte für die erste Überquerung der Brücke mit der Eisenbahn, am 20. Oktober 1932, erstanden hatte.
Am 1. Oktober 1998 wurde der Stahlbogen des 'Kleiderbügels', wie die Sydneysiders ihre Hafenbrücke nennen, für jedermann geöffnet, der klettern kann. Der Begriff freilich führt in die Irre. Mit Bergsteigen hat 'The Climb of Your Life', den Caves eigens gegründete Firma 'BridgeClimb' anpreist, nichts zu tun. Die Übung ist weniger sportlich als pure Sensation des Ungewöhnlichen - eben des Umstands, eine Brücke nicht über den dafür vorgesehenen Fussweg, sondern auf ihrem Rahmen zu überqueren. Es ist heute die grösste Touristenattraktion Sydneys, ein spektakuläres Massenereignis, pragmatisch organisiert.
Dreihundertzwanzig Angestellte zählt 'BridgeClimb' inzwischen, ein Drittel sind Führer. Die Brückenbesteigung findet in Gruppen alle zehn Minuten zwischen dem frühen Morgen und der Abenddämmerung statt, bis zu eintausendvierhundert Kletterer werden pro Tag gezählt, vom Teenager bis zum Greis, haben sich bislang auf den Weg zum Stahlgipfel über der Stadt gemacht, deren Schönheit sich tatsächlich am vollkommendsten aus der Vogelperspektive erschliesst.
Ausgangspunkt des Unternehmens ist die 'BridgeClimb'-Zentrale im Stadtteil 'The Rocks', einige hundert Meter östlich der Brücke. Dort muss man einen langen Fragebogen ausfüllen und sich in einen lilagrauen 'BridgeClimb'-Overall aus hauchdünnem Polyester zwängen, Haare werden unter Kappen gebändigt, die mit einem Haken am Kragen befestigt sind, Brillen an Bändern um den Hals gesichert, Fotoapparte wie überhaupt alle losen Gegenstände sind verboten - damit nichts aus der Höhe hinabfallen kann. Die Teilnehmer selbst sind vor Stürzen durch ein kugelförmiges Schloss am Bauchgurt gesichert, das entlang der gesamten Strecke mit einem Führungsdrahtseil verbunden ist. Das schwierigste Stück sind die ersten Meter. Sie führen auf einem schmalen Drahtgittersteg unterhalb der Brückenzufahrt zum östlichen Pylon, zwei Dutzend Meter über dem Boden. Hier dreht man um, wenn eien Schwindelgefühle überwältigen, und wer hier nicht kehrtmacht, schafft es gewöhnlich bis zum Gipfel. Im Pylon sind mehrere steile schmale Leitern zu bewältigen, dann befindet man sich auf der Höhe der achtspurigen Fahrbahn, dreiundfünfzig Meter über dem Wasser. Autos rasen vorbei, ein Zug rattert, Fussgänger blicken nicht einmal hinüber zu den Kletterern, so alltäglich ist ihr Bild mittlerweile. Von wo auch immer man in Sydney auf die Brücke schaut, man wird dort die Gruppen der Brückentouristen entdecken - auf ihrem Ameisengang 1.439 Stufen hinauf oder hinunter.
Einige Meter höher beginnt der eigentliche Weg über die Brücke, über breite Stufen den geschwungenen Bogen hinauf. Mit jedem Schritt geht man sicherer, der Rundumblick über Stahl und Stadt ist grandios. Auf dem Scheitel bleiben zwanzig Minuten Zeit. Dann wird die Brücke auf einem fünfzig Meter langen Verbindungsstück zwischen den Bögen überquert. Hinunter geht es auf der anderen Seite. Der Abstieg ist ein Spaziergang.
Der 'BridgeClimb' in Sydney dauert dreieinhalb Stunden und kostet ab 160 australische Dollar (knapp 100 Euro) je nach Tageszeit (2005). Im Preis eingeschlossen sind die Führung in Gruppen bis zu zwölf Personen auf den Scheitelpunkt der Brücke und zurück sowie ein Gruppenfoto und ein Zertifikat. Wer mitgehen will, muss älter als zwölf Jahre sein und sich vor der Tour einem Alkoholtest unterziehen. Die komplette Ausrüstung wird von den Veranstaltern gestellt. Informationen und Buchungen unter der Telefonnummer: 0061 - 2 - 82747777
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