Der Felsen-Louvre im Garten Eden
Der Aborigines-'Staat' Arnhem Land im Northern Territory ist mit seinen Felsmalereien und seinem Naturparadies einer der beeindruckendsten Landstriche Australiens
Ein Krokodil auf 'zehn Uhr', sechs Pelikane von rechts, ein Seeadler über uns und hunderte Gänse hinter uns.
Hätte man im Biologie-Unterricht besser aufgepasst, dann könnte man die meisten der Tiere benennen, denen man auf dem Fluss Cooper Creek begegnet. Aber zum Glück gibt es Experten wie Ranger Luke. Er zeigt auf Jabirus, Datars, Herons und -weil sie den größten Respekt einflößen- Krokodile. Wir sehen ungefährliche Süßwassercrocs genauso wie die äußerst ungemütlichen Salties.
Faul und fett hat es sich auf der Sandbank gemütlich gemacht. Mit offenem Maul liegt es da, mit rundlichem Bauch - "es dürfte wohl grad ein junges Wildschwein verspeist haben" sagt Luke. Wildschweine sind im Arnhem Land übrigens zur Plage geworden und zum Abschuss frei gegeben. Viele Touristen kommen (auch), um Wildschweine zu jagen. Oder um zu fischen: Ob Tarpon, Catfish oder Black Bream. Am beliebtesten sind allerdings die Barramundis. Der Cooper Creek ist die Hauptschlagader am Mount Borradaile, einer 700 Quadratkilometer großen Gegend im Nordwesten des Arnhem Lands im Norden Australiens.
Der East Alligator River im Kakadu-Nationalpark ist die Grenze. Wer diesen Fluss passiert, benötigt eine 'permit' - nur mit Genehmigung darf man ins Arnhem Land, jenes 94.000 Quadratkilometer große Gebiet im Northern Territory, über das die Ureinwohner wachen. Das Arnhem Land ist frei von Massentourismus und daher der Höhepunkt für jeden, der die Dreamtime, die zehntausende Jahre alte Geschichte der Aborigines erleben will.
Wer von den Felsmalereien im für jedermann zugänglichen Kakadu-Nationalpark begeistert ist, der wird im Arnhem Land aus dem Staunen nicht herauskommen. Die bekannten Felsbilder auf dem Nourlangie oder Ubirr Rock im Kakadu sind schön, doch die Malereien am Mount Borradaile sind wie ein Louvre der Felsmalereien. Manche Bilder sollen 20.000 bis 50.000 Jahre alt sein.
"Wir finden immer wieder neue Bilder", sagt Max Davidson. Der ehemalige Büffeljäger hat vom Ulbu Bintji-Clan jene 700 Quadratkilometer geleast und ein Zeltcamp errichtet, von dem aus die Highlights des Arnhem Lands zu sehen sind: Natur pur und die Kunst der Aborigines. "Wir haben keine Karten, auf denen wir die Kunststätten eingetragen haben", sagt Max, "das wäre zu gefährlich. Das Wissen ist im Kopf". Solche Karten in den falschen Händen könnten der Gegend sehr schaden. Manche Gäste, die schon alle Höhepunkte gesehen haben, versuchen sich oft gemeinsam mit den Guides als Entdecker - und finden tatsächlich neue Kunststätten.
Die Felshöhlen sind, und das macht die Faszination aus, unberührt, wie etwa Catacombes. Auch dort sieht man Überreste alter Feuerstellen, alte Steinwerkzeuge oder auch Glasteile alter Flaschen, die man von den frühen Seefahrern erhalten und als Werkzeug benutzt hatte. Mystisch sind aber die weißen Knochen und manchmal auch rot bemalten Totenköpfe, die in vielen Höhlen liegen. Manche Stätten, in denen die Aborigines ihre Geschichten von der Känguru- bis zur Fischjagd dokumentieren, dienten nämlich auch als Grabstätten. Es bringt Unglück, die Totenruhe zu stören, Bilder der Gebeine zu machen. So wie es auch Unglück bringt, Steine oder andere Erinnerungsstücke der Vergangenheit mit nach Hause zu nehmen.
Bei den Catacombes etwa findet man Major Arts. Diesen Namen gab Davidson jener Stelle, auf der die Kunst der Aborigines die beeindruckendsten Spuren hinterlassen hat. Ein Fels, 20 Meter breit, mehrere Meter hoch und eine Kunstsammlung mit hunderten Malereien, wie sie beeindruckender nicht sein kann.
Mindestens zehn große Kunststätten gibt es am Fuße des Mount Borradaile. Das Atemberaubende sind die Motive. Schiffe der Holländer wurden genauso verewigt wie jene der Indonesier, die einst zum Seegurkenfang an die Nordküste Australiens gesegelt sind. Und 'X-Ray-Paintings', bei denen man innere Organe und Knochen von Tieren und Menschen sieht, kann man hier bewundern.
Immer wieder werden neue Felsen entdeckt, auf denen grandiose Kunst zu sehen ist, wie etwa der mehrere Meter lange Rainbow Serpent oder - Außerirdische. Ja, Aliens. Selbst Wissenschaftler sind sich nicht einig, was einige Motive darstellen sollen.
Wer das Arnhem Land in der Trockenzeit besucht, kann sich nicht vorstellen, dass viele Flächen, die man betreten kann, in der Regenzeit meterhoch unter Wasser stehen. "Hier ist dann ein erfrischender Pool", sagt Ranger Luke und deutet auf ein vier Meter tiefes Loch, das eigentlich ein Flussbett ist. "Bald beginnt es wieder zu regnen", weiß Luke.
Der Green Plum-Baum hat Triebe und Blätter bekommen. Das macht er, um für den nahenden Regen bereit zu sein. "Die Pflanzen haben Feuchtigkeitssensoren" sagt Luke und reicht eine grüne Ameise. "Koste mal". Sie schmeckt nach Zitrone. "Man kann sogar einen Zitronendrink daraus zubereiten, wenn man viele zerdrückt und Wasser hinzumischt." Im Notfall. "Aufpassen muss man nur dann, wenn die Ameisen auf einer giftigen Pflanze wohnen, denn dann speichern sie das Gift in ihrem Körper." Man hätte wirklich in Biologie besser aufpassen müssen.
Der Flug von Darwin zum Mount Borradaile dauert eine Stunde, von Jabiru (Kakadu-Nationalpark) aus fliegt man zwanzig Minuten. In der Trockenzeit kann man auch per Auto anreisen, die 100-km-Fahrt von Jabiru dauert drei Stunden. Man sollte in Oenpelli stoppen und das dortige Kulturzentrum besuchen.
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